Leserbrief zum Artikel „Massive Anti-China-Proteste in Vietnam“

 

Leserbrief zum Artikel „Massive Anti-China-Proteste in Vietnam“

(DK Nr. 111, Donnerstag 15.05.2014, Seite 5, Politik)

VIET NAM TIBET ALLIANCE BANNER

Leider fand die Protestwelle in Vietnam erst nach gewaltsamen Ausschreitungen Eingang in die westlichen Medien.

In der Tat begann die antichinesische Protestbewegung in Vietnam bereits im Frühjahr 2011 und verlief im Schatten des arabischen Frühlings und wurde u. a. deswegen in den Medien weltweit nicht beachtet. In Anlehnung an den arabischen Frühling wurde die Bewegung in Vietnam als die „Jasmin-Revolution“ genannt.

Der Protest, der in vielen Städten stattfand, erzürnte sich über die Vergabe der ersten zwei Konzessionen zum Abbau von Bauxit (Aluminiumerzen) im Zentralhochland an die chinesische Firma Chinalco (Chinese Aluminium Company) und richtete sich in erster Linie gegen die chinesische Hegemonie in Südostasien. Im Zentralhochland Vietnams liegt vermutlich das größte Bauxitvorkommen der Welt. Indirekt ging der Vorwurf auch an die Regierung Vietnams, die die Bodenschätze des Landes an China zu verschleudern, nach dem China den Staatsfunktionären „unsittlich“ versorgt hatte. Die versprochenen Arbeitsplätze wurden von Chinesen besetzt. Es entstand chinesische Dörfer in Vietnam, die von chinesischen Sicherheitskräften bewacht werden. Weite Landstriche mit tropischer Vegetation mussten dem Bergbau weichen und wurden zu Mondkraterlandschaft. Die Lebensgrundlage der dortigen Bevölkerung wurde vernichtet. Zahlreiche Tee-, Kaffee- und Pfefferplantagen wurden dem Profit geopfert (Für Nichtkundige: Vietnam ist der zweitgrößte Kaffee- und der größter Pfefferproduzent der Welt.)

Nach elf Wochen wurde die „Jasmin-Revolution“ von Prügelattacken der Polizei erstickt. Die Dissidenten zogen sich zwar in den Untergrund zurück und blieben dennoch aktiv, als Blogger. Doch die Verfolgung der „Staatsfeinde“ wurde bis ins Schlafzimmer fortgesetzt. Mehrere Hunderte Blogger wurden verhaftet. Stellvertretend für diese Regimegegner sind vor allem die Sänger und Songwriter Vo Minh Tri alias Viet Khang mit dem Lied „Anh la ai?“ (Wer bist du?“) und Tran Vu Anh Binh mit dem Lied „Viet Nam toi dau?“ (wo ist mein Vietnam?). Sie wurden zu vier bzw. sechs Jahren Haftstrafe und anschließend zu zwei Jahren Hausarrest verurteilt, weil sie mit ihren Liedern die chinesische Aggression gegen Vietnam und die Unterdrückung der Proteste gegen China durch Vietnams Polizei beklagen. Ein weiteres, trauriges Beispiel ist das Schicksal von Frau Ta Phong Tan, einer ehemaligen Polizistin. Sie wollte nicht mehr zusehen, wie ihre „Kollegen“ friedliche Demonstranten verprügelten, selbst wenn diese schon auf dem Boden blutend lagen. Sie wurde dann als „Verräterin“ zu sechs Jahren Haftstrafe und anschließend zu zwei weiteren Jahren Hausarrest verurteilt. Ihre Mutter, Frau Dang Thi Kim Lien, verbrannte sich aus Verzweiflung. Bei der Beerdigung riss ein Polizist ein Trauerband nieder.

Das Regime in Ha Noi duldet und duldete keinen Protest gegen seinen Lehrmeister (und „Versorger“) China. Am 14.05.2014 waren die Sicherheitskräfte auf Grund der spontanen und bedauerlicherweise auch gewaltsamen Demos überrascht und überfordert und schritten deswegen nicht ein. Bereits vier Tage später, am So. 18.05.2014 wiederholte sich die Szene: prügelnde Polizei gegen friedliche Protestler. The same procedure as last time.

Gerade wegen des Gehorsams der „Regierung“ Vietnams gegenüber China entrüstete sich die Bevölkerung. Selbst, als chinesische Kriegsschiffe vietnamesische Fischerboote versenkten und mehrere Fischer töteten, schwieg das Regime in Hanoi. Vietnam duldete den Verkauf von jungen Frauen nach China. Auf Grund der Ein-Kind-Politik Chinas und der Geringschätzung der Frauen werden Mädchen in China oft kurz nach der Geburt getötet. Als Folge davon fehlen heiratswilligen Männern Bräute zum Heiraten. Junge Frauen aus armen, vietnamesischen Familien wurden buchstäblich nach China verkauft und zu Heirat gezwungen, mit Wissen und Dulden des Hanoier Regimes. Nur wenige von inzwischen mehr als sechszigtausend Frauen fanden wirklich ihr Eheglück. Die meisten wurden Sklavinnen oder Prostituierte.

China erklärte nahezu das Gesamtgebiet des südchinesischen Meeres (in Asien redet man nur von „Ostmeer“!) als chinesisches Hoheitsgebiet. Dieser Anspruch in Form einer Büffelzunge (cow tongue) verdeutlicht die chinesische Aggression gegen seine Nachbarn. Nach Chinas Leseart würden die Inselgruppen Hoang Sa (Paracelinseln, vor denen der Ölbohrturm HD 981 erreichtet wurde) und Truong Sa (Spartleyinseln), mehr als tausend Kilometer vom Festland entfernt, zu China gehören. Die internationale Seerechtskonferenz hatte bereits 1951 in San Franzisco die Inseln als Hoheitsgebiet Vietnams anerkannt.

Bei der neuen, gewalttätigen Protestwelle am 14.05.2014 bleibt eine Frage unbeantwortet: Waren es wirklich die Arbeiter, die ihre Fabriken in Flammen setzten? In diversen Youtube-Videos sieht man werkfremde Agitatoren, durch ihre Kleidung erkennbar, die die Arbeiter zu Gewalt anstachelten und dann im Chaos plünderten. Nachgefragt: Wer vernichtet schon seinen eigenen Arbeitsplatz?

Durch diese Eskalation der Gewalt steht das Regime in Hanoi buchstäblich vor einer Straßengabelung, vor der ein Wegegeist sitzt und dem Fragenden (dem Regime in Hanoi) auf die Frage nach dem rechten Weg nur eine falsche Antwort geben kann: würde das kommunistische Regime die Augen zudrücken, um dem Druck den Dampf wegzunehmen, entgleitet diese antichinesische Protestwelle sehr schnell in regierungsfeindliche Aktivitäten. Wälzen die Funktionäre den Ruf nach Unabhängigkeit und Freiheit nieder, wird das Volk ihnen nie verzeihen: Schließlich war Vietnam nahezu ein tausend Jahre chinesische Kolonie. Trotzdem schafft das kleine Vietnam bereits dreizehn Male in seiner Geschichte, die großen Aggressoren aus dem Norden zu vertreiben. Die Vietnamesen vergessen ihre Geschichte nicht.

Quo Vadis, Vietnam?

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